Oder: Timo's Film-Blog, mit den Schwerpunkten asiatischer Film, Arthouse und amerikanisches Independentkino.

Dienstag, März 13, 2007

Coming Up Next: RED ROAD

Die Tage erscheint ein ausführliches Review zu Andrea Arnolds Independent-Thriller.

Kino: TIME (Shi gan)

Ji-woo(Jung-woo Ha) und Seh-hee (Ji-Yeon Park, SEOUL RIDERS) befinden sich in einer Beziehungskrise. Seh-hee denkt, dass die Gewohnheit sich eingeschlichen hat und dass ihr Gatte sie nicht mehr begehrenswert findet. Sie glaubt, er würde selbst beim Sex an andere Frauen denken, was sie schließlich zu einem folgenschweren Schritt bewegt: Sie beendet die Beziehung, lässt sich bei einem Chirurgen das Gesicht verändern und stellt Ji-woo ein paar Monate später nach. (Gespielt von Hyeon-a Seong, THE COSTOMER IS ALWAYS RIGHT, CELLO, SCARLET LETTER) Ihr Ziel ist ein Selbstbeweis, nämlich das Liebe unabhängig von Hüllen und Fassaden funktioniert. Schnell wird ihr gefährliches Spiel zum Selbstläufer und öffnet Kim Ki-Duk somit die Bühne für eine erschütternde & herzzerreißende Geschichte über die Vergänglichkeit von allem auf unserer Welt.

Viel zu oft musste man lesen, Ki-Duk würde hier nur ein krudes Bild des heutigen Schönheitswahns zeichnen, dem Drang nach immer mehr Operationen um sein eigentliches Ich zu verschleiern. Das muss man jedoch heftigst dementieren. Der Schlussmonolog aus Gaspar Noe’s IRREVERSIBEL bringt die Thematik von TIME auf den Punkt. „Die Zeit zerstört alles.“ Genau das zeigt uns der Koreaner in seinem dreizehnten Film auf deprimierende, teilweise sogar verstörende Art und Weise.

Bei TIME handelt es sich, was die Grundstimmung angeht, einmal mehr um eine Mischung aus SAMARIA und BIN JIP. Im Grunde genommen ist der angeschlagene Ton sehr depressiv und hoffnungslos. Immer wieder aber fliehen die Hauptcharaktere aus dieser grauen Dunstglocke und erstrahlen für einen Moment im hellen Schein aus Erinnerungen und unerfüllten Wünschen, nur um später noch ein Stück weit tiefer in den Abgrund zu stürzen. Hier kann Ki-Duk voll und ganz auf seinen superben Cast vertrauen. Hyeon-a Seong erinnert emotionstechnisch oft an eine junge Gong Li. Ihre Darstellung bietet die volle Palette an Emotionen und Facetten. Jung-woo Ha macht seine Sache ebenfalls gut, stinkt gegen seine weibliche Kollegin aber ein wenig ab. Sehr passend gewählt wurden auch die langsamen, fast schwebenden Kamerafahrten. Sie unterstützen den Fluss des Films maßgeblich. Für Kim-Fans hat der Meister ein paar nette Zitate versteckt. So hängt in Ji-woo’s Wohnung z.B. ein Poster von WILD ANIMALS, er selbst arbeitet als Cutter und schneidet ebenfalls einen von Ki-Duk’s Filmen.

Mit jeder laufenden Filmminute dreht sich die kleine Geschichte immer mehr in den Abgrund. TIME macht uns bewusst, dass die Zeit wie ein riesiger Mörser alles unter sich zerstört. Die Raffinesse in Kim’s Kammerspiel liegt aber eher darin, Zuschauer und Charaktere gleichermaßen mit dieser Tatsache bekannt zu machen. See-hee gibt ihre leicht angeknackste Beziehung einfach so auf, womit sie die Maschinerie des Unvermeidlichen natürlich erst in Gang setzt. Deswegen ist sie dazu verdammt ein Leben in Ungewissheit zu führen und sich ständig die Frage zu stellen: „Was wäre wenn…“ Am Ende schließt sich der Kreis.

Es sind lediglich kleine Momente in denen "eine Art" mediterranes Feeling aufkommt, wie in FRÜHLING SOMMER... oder BIN JIP. TIME reiht sich einfach in die kimsche Filmographie ein - BAD GUY, SAMARIA, COAST GUARD, THE BOW, BIRDCAGE INN, FEAL FICTION, SEOM - und schließlich TIME. Abermals die Geschichte einer geplagten und gefolterten Seele. Aber wie es bei den meisten seiner Filme ist: Es funktioniert einfach, weil es bis auf ein sehr dünnes Grundgerüst doch wieder etwas gänzlich anderes ist. Für mich ist TIME vor allem eines: Eine kurze Geschichte über die Zeit, Vergänglichkeit und das Sterben. Kim zeigt mir wie wichtig es ist sich zu entwickeln, nicht aber jeden Tag neu zu definieren. Das diese Bereitschaft zur gemeinsamen Veränderung zwingend notwendig in einer intakten Beziehung ist und dass unsere Gesellschaft immer wieder versucht gewisse Phasen in diesem Zyklus zu umgehen, aus welchen Gründen auch immer. Hier ist die Frau einfach ungeduldig, will das wieder alles perfekt ist und das so schnell wie möglich. Sie kämpft gegen die Zeit, die Reife die jede Beziehung braucht an und versucht durch moderne Technik diesen Prozess zu umwandern. Sehr perfide und gelungen in dem Zusammenhang ist auch das die gute Frau sich am Ende selbst im Wege steht. Wie das gemeint ist, verrate ich jetzt natürlich nicht...

Also noch einmal: Was gibt mir der Film?

Auf der einen Seite die Gewissheit das Zeit ein Faktor ist, der sich nicht umgehen lässt. Zu keinem Preis. Zum anderen das Gefühl das dies nichts Schlimmes ist. Das Gefühl welches ich vom Film mit nachhause nahm kommt in etwa dem von THE FOUNTAIN gleich. Es ist okay zu sterben, weil dies eine natürliche Prozedur ist. Und wenn man das begriffen hat ist es viel leichter deinen Weg zu gehen und zu leben. Diese geforderte Akzeptanz bringt TIME auch mit sich, nur eben im Bezug auf Zeit bzw. Vergänglichkeit. Die Aufgabe einer Beziehung wird ja oft dem Sterben gleichgesetzt. (rein intuitiv)

8-9/10

Donnerstag, März 08, 2007

Kino: FAST FOOD NATION


Natürlich stellt sich von Anfang an die Frage nach der Relevanz des Themas. Da gab es schon eine gute Hand voll Pseudo-Dokus die versuchten die Fast Food Industrie auflaufen zulassen, bekanntestes Beispiel dürfte Spurlock’s ernüchternde Selbstzweck-Studie SUPERSIZE ME sein. Und wenn man ehrlich ist: Auf viel höherem Niveau bewegt sich Linkslater’s FAST FOOD NATION auch nicht. Phrasen über Phrase und das am Besten lang und laut.

Es fängt schon damit an, dass Linkslater möglichst jeden Fall abdecken will: Er hätte gerne ein Einwanderungsdrama, einen kleinen Öko-Krimi, einen Fleischskandal, eine skurrile Selbstfindung und eine wilde Verschwörungsgeschichte. Doch nichts davon zündet. Alle Charaktere wirken wie klischeeüberladene Dönerspieße. Da gibt es den Abteilungsleiter der seine Mitarbeiterinnen sexuell belästigt, das Mädchen welches versucht aus der Einöde zu verschwinden und Astronautin zu werden, Der vom Gewissen geplagte Marketingchef welcher zwischen Fleisch und Familie steht (Achtung Gesellschaftskritik in 3, 2, 1…Jetzt), ein rechtschaffene Mexikanerin die für ihren Mann buchstäblich durch die Scheiße geht… diese Negativ-Aufzählungen könnte man noch stundenlang weiter führen, ohne jedoch zu einem Ergebnis zu kommen. Nicht selten wirkt es als ob ein Amateur am Werk ist, denn auch handwerklich mag FAST FOOD NATION so gar nicht munden. Da gibt es eine viel zu lange Einleitung sowie zig kleinere Drehbuchvergehen, welche die ohnehin schon geschundene Story erneut ausbremsen.

Der Film hat keinerlei Substanz. Er bildet genau genommen sogar nur einen Laufsteg für alle Promis die mal gerne auf die Kacke hauen würden. Da darf Freizeit-Umweltaktivistin Avril Lavigne (Vertreten durch vehementes Abnicken jeder Green Peace-Floskel) genauso wenig fehlen wie Kris Kristofferson, der uns abermals die böse böse Welt erklärt. Einzig und alleine jene Szene in der Ethan Hawke ein Familiengespräch führt wusste zu gefallen. Bezeichnend für den Film jedoch, dass genau diese Szene rein gar nichts mit dem Rest zu tun hat und letzten Endes sogar ins Leere läuft. Catalina Moreno full of Grace spielt natürlich wieder die rechtschaffene Ausländerin, welche von ihrer neuen Umwelt systematisch in den Abgrund gedrängt wird (Achtung Sozialkritik, nicht ausrutschen). Bei aller Liebe: Das alles ist ab einem gewissen Pegel nicht mehr auszuhalten. Ich weiß nicht was schlimmer ist!? Das Linkslater selbst keine Ahnung von dem hat was er da erzählt oder das er denkt wir hätten keinen Schimmer. Aber mit solchen Pseudoskandalen wie den hier gezeigten lockt man keinen mehr hinterm Ofen hervor.

FAST FOOD NATION ist ein mit Phrasen um sich schlagendes Monster, welches schließlich die Lust auf Fast Food nur steigert. Denn beim Ansehen wünscht man sich wenigstens die anfängliche Genusswelle des angeprangerten Mediums. Doch Fehlanzeige. Linkslater’s Film ist ein Supergau, unter anderem schrecklich belehrend und wichtigtuerisch. Es gibt kein Konzept, jeder darf mal irgendetwas umweltfreundliches in die Kamera nuscheln, das Wort „Handlungsstrang“ scheint für die gesamte Crew ein Fremdwort darzustellen, ihr Film ist schließlich ein einziger Flickenteppich bestehend aus unzähligen unsortierten Ideen. Wäre der Film eine Marketingcampagne von Mc Donalds – ich würde es glauben. Aber so was? Nee, geht gar nicht.

1-2/10

Donnerstag, März 01, 2007

Kino: SMOKIN' ACES

Ist ganz bestimmt nicht die anbiedernde Kult-Klamotte, die viele aus dem Film machen wollen. Die erste Hälfte ist sehr unterhaltsam, erst als der Film versucht die ernste Schiene zu fahren verzettelt er sich. Dann wird es teilweise dämlich, oft peinlich und erst recht unglaubwürdig. Für die letzten 10 Minuten könnte man sich sogar in den Arsch beißen. ABER: Davor ging das alles trotz kleiner Schönheitsfehler völlig in Ordnung.
6+/10

Kino: CURSE OF THE GOLDEN FLOWER

Immer wusste Zhang Yimou wie man dramaturgisch packende Geschichten in visuelle Engelsgewänder steckt. Yimou, der sich dazu berufen fühlt farbenfrohe Kostümdramen zu inszenieren, schließt in CURSE OF THE GOLDEN FLOWER mit seiner selbsternannten Wuxia-Trilogie ab. Und doch könnten die drei Filme unterschiedlicher nicht sein: HERO, Der politische Disput über Macht und Vergeltung, HOUSE OF THE FLYING DAGGERS, Martial Arts vom feinsten gepaart mit einer shakespeeresken Liebesgeschichte und schließlich CURSE OF THE GOLDEN FLOWER, eine sehr facettenreiche Familientragödie.

Gong Li ist göttlich. Sie verleiht der Kaiserin die nötige Tiefe um auf dem schmalen Pfad zwischen Mitleid, Verachtung, Arroganz und Traurigkeit zu bestehen. Fast scheint es so, als blühe die Frau in der Obhut ihres Entdeckers und Exliebhabers auf wie nie zuvor. Doch auch Chow Yun-Fat glänzt in der Rolle des bösartigen, machtsüchtigen Kaisers. Man kann gar nicht anders als diesen zu hassen. Ein Blick in die Filmographie von Zhang Yimou spricht eigentlich schon Bände. Er ist einer der größten Regisseure unserer Zeit und hat auch kein Problem dies immer wieder aufs Neue zu beweisen. Wie er es schafft, neben seiner tadellosen Inszenierung verschiedene Denkansätze und Querverweiße zu geben, mit allerhand Symbolikspielereien um sich zu werfen und gleichzeitig eine herzzerreißende Geschichte zu erzählen – und eben in berauschenden Bildern zu zeigen (!), hat mich komplett umgehauen. Freunde von vielen und langen Martial Arts Kloppereien sollte jedoch bewusst sein, dass diese in CURSE OF THE GOLDEN FLOWER nur einen Bruchteil der Geschichte einnehmen, vergleicht man diese einmal mit den beiden Vorgängern. Auch hier ist Yimou wieder ein Kompliment zu machen, weil er sein Werk so stimmig zusammensetzt, dass dies gar nicht weiter auffällt. An Schauwerten und Spannung fehlt es CURSE OF THE GOLDEN FLOWER jedenfalls nicht.

Wenn man an Zhang Yimou’s neustem Werk etwas kritisieren will, dann wohl am ehesten das sich ein zwar eher geringer, aber eben vorhandener, Abnutzungseffekt ankündigt. Ein weiteres Epos dieser Größenordnung könnte ihm aus den Fingern gleiten. Doch Yimou ist ein äußerst intelligenter Mann: Das wird er selbst wissen. Außerdem kratzt er gegen Ende für einen Moment gefährlich nahe an der Grenze zum Absurden, was die Wendungen und Ereignisse im Kaisertempel angeht. Schließlich mündet dieser Hexenkessel jedoch in einer furiosen Szene, in der Yimou seinen kompletten Film ausbremst um dem Zuschauer noch einmal in Zeitlupe an die Gurgel zu springen. Bleibt abzuwarten ob Yimou seine Richtung ändert. Solange ergötze ich mich gerne an den energiegeladenen Bildern, dem phantastischen Ensemble, dem meditativen aber auch ergreifendem Score und dem Rausch aus Farben und Kostümen.

8+/10